Navigation
Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn/Rhein-Sieg
Servicelinks öffnenschließen
Notfall-Nummern

Notfall-Nummern

Ärztenotruf01805 044100
Giftnotruf0228 19240
Ärztlicher Bereitschaftsdienst116 117
Telefonseelsorge0800 1 11 01 11
0800 1 11 02 22
Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard
Telefonzentrale 0228 6481-0
Notfallambulanz0228 6481-568
Krankheitsbilder-Suche

Krankheitsbilder-Sucher

25 Jahre Palliativmedizin in 25 Momenten

Das Zentrum für Palliativmedizin an unserem Krankenhaus feiert in diesem Jahr sein 25. Jubiläum. Zu diesem Anlass geben Mitarbeiter, Patienten und Angehörige Einblicke. 25 Jahre - erzählt in 25 Momenten.
Zwischen dem 6. und dem 30. Oktober 2015 (Tag der Jubiläumsveranstaltung) veröffentlichen wir jeden Tag eine neue Geschichte, die zeigt, wie das Zentrum arbeitet, was die Menschen ausmacht, die in der Palliativmedizin tätig sind und warum sich 25 Jahre Palliativmedizin besser in Momenten als in Zahlen ausdrücken lassen.
(Fotos: Dr. Helmut Hoffmann-Menzel)

Odette Exner (Ärztin Palliativstation): Ohne Behandlung

Die Anmeldung von Herrn Treppen (Name geändert) durch den Hausarzt war eher typisch: 78 Jahre, fortschreitende Tumorerkrankung, lebt im Pflegeheim, zunehmende Schmerzen, stationäre Schmerztherapie erbeten.
Die Ankunft des Patienten auf der Palliativstation war alles andere als typisch: Wir sahen uns mit einem laut schreienden Mann konfrontiert, der kaum mit sich reden ließ und gar nicht zu beruhigen war. Der netten Schülerin, dem ruhigen Pfleger, der erfahrenen Palliativschwester, der Ärztin - niemandem gelang es, zu ihm durchzudringen. Auf Nachfrage sagte Herr Treppen, er habe keine Schmerzen, könne sich nicht erinnern, jemals Schmerzen gehabt zu haben und forderte lautstark, man solle ihn wieder nach Hause bringen. Man wolle ihn einsperren, und trinken würde er gar nichts, da hätten wir sicherlich etwas untergemischt.
Telefonate mit dem perplexen Hausarzt und dem Sohn des Patienten konnten nicht helfen, der aufgeregte Herr war nicht in der Lage zu telefonieren. Jedoch reagierte der Sohn des Patienten sofort.
30 Minuten später standen 2 Söhne auf der Station. Nach Erörterung aller Optionen trafen wir gemeinsam die Entscheidung, Herrn Treppen wieder in seine gewohnte Umgebung zu bringen. Hausarzt und Heim wurden informiert, während ein sichtlich entspannter Herr Treppen wieder in einen Krankentransporter untergebracht wurde.
Alle Beteiligten stimmten überein, dass im Sinne des Patienten richtig gehandelt worden war - auch ohne jegliche Behandlung. Bestätigt wurden wir einige Wochen später durch den Anruf eines der Söhne. Herr Treppen war "friedlich" verstorben, Schmerz sei in seinen letzten Lebenswochen nie wieder ein Thema gewesen.


Sabine Krause (Sozialarbeiterin): Vertrauen schaffen…

Ich lernte Herrn Becker (Name geändert)im Haupthaus unserer Klinik kennen, wo er von unserem Team innerhalb der Palliativen Komplexbehandlung begleitet wurde. Als ich das Zimmer betrat, sah ich einen großen hageren Mann, der mit überkreuzten Beinen in seinem Bett lag. Ich begrüßte ihn und stellte mich und mein Anliegen vor. Herr Becker berichte mir sehr bestimmend, dass er alleinstehend sei, keinerlei Familie hätte und er auch vorhätte wieder nach Hause zu gehen. Eigentlich benötige er keine Hilfe, da, wenn er wieder zu Hause sei, alles wie gewohnt klappen würde.
Nach einigen Tagen wurde Herr Becker auf die Palliativstation verlegt. Hier besuchte ich ihn täglich. Er saß viel draußen auf der Terrasse, vor meinem Bürofenster und genoss seine Zigarette. Mit jedem Gespräch, das wir führten öffnete er sich ein bisschen mehr. Er berichtete mir von seiner Nachbarfamilie, deren Hund er immer gehütet habe und zu der er doch eine höfliche, aber vertraute Verbindung pflege. Ich nahm Kontakt mit der Nachbarin auf, die gerne kam. Viele Gespräche führten wir gemeinsam. Und zuweilen ließ Herr Becker seinen wunderbaren Humor aufblitzen, so dass wir gemeinsam das eine oder andere Mal in ein herzhaftes Lachen verfielen.
Es war schön zu erleben wie Herr Becker sich Stück für Stück öffnete und immer mehr Vertrauen fasste, so dass wir auch das Thema seiner weiteren Versorgung ansprechen konnten. Wir sprachen über das Sterben, Dinge die ihn bewegten und die Möglichkeit, den letzten Lebensabschnitt in einem Hospiz zu verleben.
Die Erleichterung, die Herr Becker dadurch erfuhr, dass er sich geöffnet hatte und selbst die Gestaltung seines letzten Lebensabschnitts bestimmen konnte, war für alle Beteiligen deutlich zu spüren und zu sehen, nicht zuletzt, wenn er ganz entspannt auf der Terrasse saß und dem Rauch seiner Zigarette hinterher sah.


Soad Ait Arkounte (Reinigungskraft): Julia oder wie ich den Tod kennenlernte

Seit genau 20 Jahren arbeite ich nun auf der Palliativstation. Ich lerne die Menschen dort anders kennen, als die meisten, die dort arbeiten. Denn ich weiß nicht, warum genau die Menschen dort hingekommen sind oder wie ihre Diagnose lautet. Ich putze das Zimmer und nebenbei plaudere ich mit den Patienten - wenn sie möchten. Über das Essen, über das Wetter, über die Träume, die jeder hat und manchmal auch über die Liebe. So war das auch mit Julia (Name geändert), die ich nie vergessen werde. Sie war 21 Jahre alt und wir kamen sofort ins Gespräch. Sie interessierte sich für mein Heimatland Marokko. Sie wollte reisen, studieren und später im Ausland leben. Begeistert erzählte sie mir von ihren Plänen und Träumen. In einem Urlaub hatte sie sich in einen Brasilianer verliebt. Den wollte sie mit einem Besuch überraschen - sobald sie entlassen war. Es war an einem Freitag, als sie mir das erzählte.
Das Wochenende hatte ich frei. Als ich am Montag auf die Station kam, ging ich als Erstes in Zimmer 2. Es war leer. Ich eilte ins Stationszimmer. Julia war am Wochenende gestorben. Ich konnte es nicht fassen. Das musste ein Irrtum sein! Sie wollte doch nach Brasilien fliegen. Ich war fassungslos und brauchte lange Zeit, um mich von diesem Schock zu erholen.
Aus dieser Situation und vielen anderen habe ich über die Jahre Manches gelernt. Man kann dem Tod nicht immer ins Auge sehen. Träume und Hoffnungen sind Kraftquellen, nicht nur für die Patienten, auch für uns. Wichtig ist auch, bei aller Nähe nicht im Mitleid zu versinken, sonst läuft man Gefahr, selber unterzugehen. Ich versuche, jeden Tag bewusst wahrzunehmen und zu genießen.
Trotz aller Herausforderungen arbeite ich gerne hier!


Andrea Gasper-Paetz (Krankenschwester SAPV): Wie lange haben Sie eigentlich Ihre Frau gepflegt?

Ich sitze bei Herrn Winterer (Name geändert) im Wintergarten. Frau Winterer ist vor zwei Wochen, während eines zweitägigen Krankenhausaufenthaltes, der zur Abklärung der Behandlungsoptionen einer pathologischen Fraktur notwendig wurde, in der Klinik verstorben. Ich durfte Frau Winterer zuvor über mehrere Wochen zu Hause begleiten.
Die Frage: "Wie lange haben Sie denn eigentlich Ihre Frau gepflegt?", habe nicht ich Herrn Winterer gestellt, sondern eine Dorfbewohnerin, die er auf der Straße getroffen hatte. Eine schnell über die Lippen gehende Frage, vielleicht ein wenig neugierig, aber auch hinweisend darauf, dass man etwas mitbekommen hat von der Belastung. Die Frage hat Herrn Winterer berührt und seine Betroffenheit ist zu spüren.
Frau Winterer war seit Jahrzehnten an einer fortschreitenden neurologischen Erbkrankheit erkrankt, die zur Erschlaffung der Muskulatur geführt hatte. Sie konnte bis kurz vor ihrem Tod den mit einem elektrischen Motor verstärkten Rollstuhl selbständig bewegen, war aber ansonsten körperlich völlig immobil und auf Umsorgung, Hilfe und Pflege rund um die Uhr angewiesen. Der Verlust ihrer Sprachfähigkeit, der sich in den letzten Wochen vor dem Tode immer mehr ausbildete war für Frau Winterer ein großes Leid, da sie sich viel mit Sprache befasst hatte und gerne kommunizierte. "Was soll ich auf eine solche Frage antworten, was meinen die Menschen damit, wenn sie mich fragen, wie lange ich denn meine Frau gepflegt habe?" Herr Winterer schaut mich ruhig, aber zugleich auch erschüttert an und sagt dann:
"Wollen die wissen, wie lange ich ihr schon beim Toilettengang helfen musste oder wie lange ich ihr das Essen angereicht habe oder aber die Blätter im Buch umgeschlagen habe? Meine Frau war seit Ihrer Jugendzeit auf Hilfe angewiesen und mit dieser, mit den Jahren ständig zunehmenden Hilfsbedürftigkeit, hat sie ihr Studium beendet, zwei Kinder geboren, als Sonderpädagogin gearbeitet und ist alleine in ferne Länder gereist und im Meer, liegend in einem Spezialring, der sie vor dem Ertrinken schützte, geschwommen. Ich habe sie zu diesen Reisen nicht begleitet, ich wäre ihr dabei nur im Wege gewesen, mit meiner Fürsorge und Ängstlichkeit. Sie hat nie über ihr Schicksal geklagt. Sie hat sich für die Gleichstellung und Gleichbehandlung von Menschen mit Beeinträchtigungen eingesetzt. Für eine inklusive Gesellschaft, für den Abbau von Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit ,Toleranz und ein besseres Miteinander. Sie hat ihre körperlichen Defizite angenommen und lange durch ihre geistige Freiheit ausgleichen können. Wir haben manchmal nicht gewusst wie es weitergehen soll, aber wir haben immer gewusst, dass wir gemeinsam eine Lösung finden.
Also, wie lange habe ich meine Frau gepflegt? Irgendwie immer aber zugleich auch nie!"


Barbara Uebach (Case Managerin): Schmitz'scher Beweis

Es war dieses Jahr im August. Ich saß an einem lauen Abend, es war schon spät, mit meiner Tochter auf der Terrasse und betrachtete den wunderschönen Sternenhimmel, als plötzlich kurz nacheinander zwei Sternschnuppen den Himmel entlangsausten. „Hast Du das gesehen!“, rief Eva. „Das sind die Perseiden, davon hat mir Papa heute erzählt“. „Quatsch“, entgegnete ich, „das war der Schmitz'sche Beweis!“
Sie kennen den Schmitz'schen Beweis ebenfalls nicht? Dabei gibt es ihn schon seit circa 15 Jahren. Damals wurde ich, von der Intensivstation kommend, auf der Palliativstation eingearbeitet. In einer Übergabe wurde von einer jungen, reflektierten Patientin in Zimmer 3 berichtet, die seit 10 Jahren tapfer gegen ihren Tumor angekämpft, sich in den vergangenen Monaten immer wieder zur Schmerzeinstellung auf der Palliativstation aufgehalten hatte und nun ganz bewusst zum Sterben hierhergekommen war. Ich musste schlucken. Da klingelte es. Ich ging. Zimmer 3, Frau Schmitz! Ich öffnete die Tür und stellte mich vor. Sie lächelte und bat mich, das Fenster zu schließen. Gerade hatte ich den Griff in der Hand, als mich eine Frage von hinten überraschte. „Glauben Sie, dass es ein Leben nach dem Tod gibt?“ Ohne nachzudenken antwortete ich spontan und meiner inneren Überzeugung folgend: „Ja, ich glaube schon, und Sie?“ „Nein, wie soll das gehen?“, war ihre erste Reaktion.
So begann ein reger Austausch über Gott und unsere Vorstellungen vom Jenseits, wann immer sich die Gelegenheit bot. Einmal, es war während des Duschens, lächelte sie schelmisch und meinte „Mal sehen, was ich da oben so herausfinde. Vielleicht kann Ich Ihnen ja etwas Erhellendes mitteilen.“
Sie können sich denken, wer die Sternschnuppen geschickt hat!? Von wegen Perseiden, Schmitz'scher Beweis!


Maxi Essel (Medizinstudentin im Praktischen Jahr): Ins kalte Wasser

Als nach meinem Examen das PJ vor mir lag und ich hörte, dass ich gleich zu Beginn in die Palliativmedizin eingeteilt wurde, musste ich kurz schlucken. Zwar hatte ich mir das Wahlfach ganz bewusst ausgesucht, fühlte mich aber doch ins kalte Wasser gestoßen. Schließlich würde ich direkt auf schwerstkranke Patienten treffen.
Etwas ängstlich, was mich erwarten würde, begann mein erster Tag mit der Patientenvisite. Ich erinnere mich noch genau an den ersten Patienten, den ich kennenlernte: ein älterer Herr, der schwer krank war und alle weiteren Behandlungen seiner Nieren- und Herzinsuffizienz abgelehnt hatte und nun auf die Palliativstation verlegt worden war. Er war sehr schwach, lag unruhig schlafend im Bett im Beisein seiner Familie, die über die Situation sehr verzweifelt war. Mit seinen katastrophalen Laborwerten und der langen Liste an Diagnosen war ich mir sicher, dass keine Besserung mehr zu erwarten war. Umso erstaunter war ich, als die Ärzte fast alle Medikamente absetzten, bis auf jene, die sein Leiden bessern sollten.
In den nächsten Tagen konnte ich es kaum fassen, jeden Tag ging es dem Patienten unter der vielen Zuwendung besser! So saß er wenige Tage später Zeitunglesend am Tisch und erzählte munter. Er wurde sogar noch einmal für ein paar Wochen mit viel Unterstützung des Palliative Care Teams nach Hause entlassen, bevor er dann auf unserer Station verstarb.
Der gesamte Verlauf und dass die Angehörigen dankbar sagten, wie viel es dem alten Herrn und Ihnen bedeutet hatte, die letzten Wochen in dieser Qualität miteinander verbringen zu dürfen, hat mich sehr beeindruckt.


Liliane Beste (Angehörige): Krimi statt Krankensalbung

Sandra hatte drei Monate von der Diagnose bis zum Tod im Oktober 1990. Es war Eierstockkrebs und Sandra war 21.
Unsere Schwester war schlank, hatte blonde Locken und liebte das Leben: Reisen, ihre Freunde, Natur, die Gitarre, Pferde, ihr Kaninchen und Krimis.
Das mit den Krimis merkte ich erst im Oktober. Sandras Bauch war von Wassereinlagerungen dick wie vor der Geburt von Zwillingen, Haare hatte sie kaum noch. Sie wollte ihre Lieben um sich haben, Musik hören, Holundersaft trinken, nochmal ein Kaninchen auf dem Bauch haben, mit dem Bett nach draußen fahren, die Sonne spüren, dem Wind in den Bäumen lauschen und...Krimis vorgelesen bekommen.
Meist hörte sie zu mit geschlossenen Augen: "Falls ich einschlafe - sag mir, wenn wieder einer tot ist. Ich will es wissen." So war es auch an dem Tag, als unsere Mutter mit dem Pfarrer der Familie auf den Hardtberg kam. Er sollte unserer Schwester das Sakrament der Krankensalbung spenden, damit sie gestärkt und ohne Sünden vor Gott treten könne. Sandra war religiös, aber die Krankensalbung war ihr fremd.
Der Pfarrer wartete Stunden vor der Tür. Er musste draußen bleiben. Wir lasen Krimis und zählten die Toten und unsere Mutter war verzweifelt, weil Sandra keine Krankensalbung wollte, nur Krimis.
In dieser Zeit war die Palliativstation Heimat und Lebenshilfe für uns. Martina Kern hörte zu, ohne zu werten und schenkte uns eine Umarmung, wenn wir sie brauchten. Pater Gottfried nahm die Sorge unserer Mutter erst und konnte sie wahrhaft trösten. Ärzte und Pflegende hielten Schmerzen und Übelkeit bei Sandra im Zaum und passten auf Körper und Seele unserer Schwester auf.
Sandra war mit dem Bett unter den Bäumen, sie hat Musik gehört und Holundersaft getrunken, konnte das warme Fell eines Kaninchens auf ihrem dicken Bauch streicheln, Krimis hören und die Krankensalbung ablehnen, ohne auf die Möglichkeit des Himmels zu verzichten. Sie starb im Kreis ihrer Lieben. Man ließ uns Zeit. Sandra durfte von der Familie gewaschen, angekleidet und in den Sarg gebettet werden.
Die Erinnerungen daran sind kostbar. Danke, dass wir erfahren durften, was Hilfe und Begleitung in schwerer Zeit bedeutet.


Prof. Dr. Lukas Radbruch (Chefarzt): Zuhören und ausreden lassen

Mit dem Team der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) betreuen wir immer wieder Patienten mit amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer fortschreitenden Nervenlähmung, die erst Arme und Beine und später auch alle anderen Muskeln befällt. Gemeinsam mit einem anderen Arzt war ich zum Hausbesuch bei einem Patienten, bei dem die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten war, er lebte in einer Wohngemeinschaft mit einem Intensivpflegedienst, komplett gelähmt und beatmet, nur die Augenmuskeln konnte er noch bewegen.
Es ging um die Schmerzbehandlung, und um seine Angst vor einem bevorstehenden Krankenhausaufenthalt, bei dem der infizierte Port gewechselt werden sollte. Er konnte über einen Computer mit Pupillensteuerung kommunizieren, eine Kamera nahm seine Augenbewegungen auf, und indem er länger einen Buchstaben auf dem Bildschirm fixierte, wurde dieser Buchstabe dann in der Textzeile getippt. Wir stellten Fragen zu den Schmerzen und zu seiner Angst vor dem Krankenhaus, und er brauchte lange, um die Antwort Buchstaben für Buchstaben zu tippen.
Wir wurden etwas ungeduldig, nachdem das Gespräch nun schon eine halbe Stunde dauerte, und wenn der Satz, den er sagen wollte, zu erkennen war, haben wir ihn für den Patienten vollendet, nur um Zeit zu sparen. Der Patient empfand das aber nicht etwa als Hilfe, er war verärgert. Und er tippte trotzdem jeden Satz zu Ende, bis zum Punkt am Satzende.
Erst langsam wurde mir klar, wie wichtig es für ihn war, dass er ausreden durfte, und wir ihm nicht jedes Mal ins Wort fielen, sobald wir zu wissen glaubten, was er sagen will. Auch ohne Sprache ist es wichtig, dem Patienten zuzuhören, und ihn ausreden zu lassen.


Conny Henseler (Krankenschwester Konsildienst): Vieles ist möglich

Herr Wolff (Name geändert), ein junger Mann, lag schon einige Zeit auf unserer Station. Die Erkrankung war so weit fortgeschritten, dass an eine Entlassung in seine häusliche Umgebung nicht mehr zu denken war. Nur noch selten konnte er sein Bett verlassen.
Die berufstätige Lebensgefährtin des Patienten verbrachte so viel Zeit wie möglich mit ihm, denn allen war klar, dass sich das Lebensende näherte. Eines Tages trauten sich beide, ihren Herzenswusch zu äußern: Wir möchten heiraten!
Das Team fand diesen Wunsch einfach nur schön und schnell war klar: Das muss doch auf jeden Fall möglich sein! Und es muss schnell gehen! Mit der zuständigen Standesbeamtin wurde natürlich von Anfang an über die besondere Problematik gesprochen und auch von Amtsseite gab man sich große Mühe, zeitnah einen Termin zu organisieren.
Dann war der Hochzeitstag gekommen.
Angehörige oder Freunde waren nicht anwesend, denn das Brautpaar wünschte sich eine Feierlichkeit im kleinsten Rahmen. Für mehr reichten die Kräfte nicht.
Ich hatte an diesem Tag Frühdienst und wir alle waren ein wenig aufgeregt. Zum Glück ging es Herrn Wolff an diesem Tag ganz passabel, aber seine Kräfte ließen es nicht zu, sein Bett zu verlassen.
Zimmer 5 – an diesem Tag unser Trauzimmer. Schön hergerichtet, dem Ereignis angemessen. Die Standesbeamtin schaffte es, die Anspannung etwas herauszunehmen und die richtigen Worte zu finden. Wir alle freuten uns, weinten und lachten. Ein Wechselbad der Gefühle. Auf das Hochzeitspaar haben wir alle angestoßen und auch Herr Wolff konnte einige Schlückchen Sekt genießen.
Es war ein schönes, beeindruckendes Erlebnis.


Pater Gottfried Michelbrand (Leiter katholische Seelsorge): Ein Sonntagmorgen auf der Palliativstation)

Brigitte Huke (Krankenschwester SAPV): Eine ungewöhnliche Kaffeetafel

Gabriele Campe (stellv. Leiterin Akademie für Palliativmedizin): Haltung bewahren

Bettina Röhrig (Patientin): Palliativpatientin? ICH?

Dorothee Schramm (Koordinatorin Hospizdienst): Koordination ehrenamtlicher Tätigkeiten

Dr. Franziska Röseberg (Psychologin, Psychoonkologin): "Es ist wie ein Albtraum!"

Peter Nieland (Physiotherapeut): "Lebensabschnitt Sterben"

Eva Blömer (Ehrenamtliche Mitarbeiterin): "Es ist doch schon zwei Jahre her"

Barbara Strömer (Krankenschwester Palliativstation): Alles zu viel und doch zu wenig

Ursula Fülbier (Sozialarbeiterin, Trauerbegleitung): "Dann bin ich die Heulsuse endlich mal los!"

Astrid Conrad (Stationsleiterin Palliativstation): Das stille Sterben

Dr. Birgit Jaspers (Forschungskoordinatorin): Nie nur ein Job

Eva Schumacher (Krankenschwester Palliativstation, Kursleiterin Akademie für Palliativmedizin): Nicht beliebig

Pater Victor Gisbertz (Katholischer Seelsorger): Palliation und Spiritualität

Stephan Lange (Stellv. Leiter SAPV): Sprachlosigkeit

Martina Kern (Leiterin Zentrum für Palliativmedizin): Über die Grenzen des Möglichen oder geht nicht gibt es (fast) nicht