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Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn/Rhein-Sieg

Von einer der ersten Palliativstationen in Deutschland zu einem Zentrum mit deutschlandweiter Bedeutung

Das Zentrum für Palliativmedizin am Bonner Malteser Krankenhaus versorgt und begleitet seit 25 Jahren Menschen in der letzten Lebensphase

28.10.2015
Geschäftsführer Walter Bors und das Leitungsduo des Zentrums für Palliativmedizin, Martina Kern und Prof. Dr. Radbruch, freuen sich auf das 25-jährige Jubiläum des Zentrums am 30. Oktober 2015.
Geschäftsführer Walter Bors und das Leitungsduo des Zentrums für Palliativmedizin, Martina Kern und Prof. Dr. Radbruch, freuen sich auf das 25-jährige Jubiläum des Zentrums am 30. Oktober 2015.

1990 eröffnete am Malteser Krankenhaus in Bonn eine Station speziell für Menschen mit einer begrenzten Lebenserwartung - die erste Palliativstation der damaligen Bundeshauptstadt und eine der ersten der Republik. In den 25 Jahren, die seither vergangen sind, hat das heutige Zentrum für Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn/Rhein-Sieg stetige Erweiterung erfahren und sich zu einem der bedeutendsten palliativmedizinischen Zentren Deutschlands entwickelt. Spezialisierte Mediziner, Pflegende, Menschen aus psychosozialen Berufen und Seelsorge, geschulte Ehrenamtliche und viele weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versorgen und begleiteten heute Menschen in ihrer letzten Lebensphase und deren Angehörigen. Das Ziel ist dabei die größtmögliche Lebensqualität am Lebensende mit so wenig Schmerzen, Symptomen, Sorgen und Ängsten wie möglich.

Die Entwicklung von einer Station zum Zentrum für Palliativmedizin

Der Beginn der palliativmedizinischen Versorgung am Bonner Malteser Krankenhaus liegt bereits im Jahr 1984: Ein spezialisiertes Team übernahm damals die Mitversorgung von Patienten aus allen Abteilungen des Krankenhauses. Nachdem 1990 eine eigene Station für unheilbar erkrankte Menschen in der letzten Lebensphase eröffnet war, folgten im Laufe der Jahre viele weitere Angebote: Seit 1993 leistet das Team des Zentrums auch ambulante Versorgung und betreut palliativmedizinische Patienten im häuslichen Umfeld. Die Trauerarbeit für Angehörige wurde ebenfalls 1993 eingeführt; seit 2005 gibt es ein spezielles Trauerangebot für Kinder und Jugendliche ("Trau Dich Trauern"). Seit 2006 ergänzt ein Psychoonkologisches Team die Patienten und Angehörigen bei der Bewältigung der Sorgen und Ängste, die die Krankheit mit sich bringt. Die letzte Erweiterung gab es 2013: mit kunsttherapeutischen Angeboten für Patienten und ihre Familien und Freunde. Ein verlässlicher Wegbegleiter und -bereiter bei all diesen Aktivitäten war und ist die Deutsche Krebshilfe für das Zentrum: Mit einer Anschubfinanzierung machte sie 1995 die Eröffnung der Palliativstation möglich; mit jährlicher Unterstützung fördert sie die Arbeit des Zentrums, das auf eine Teilfinanzierung durch Spenden angewiesen ist, bis heute.

Vorreiter in Forschung und Lehre

Das Expertenwissen und die große Erfahrung, die das Team des Zentrums hat, gibt es weiter - und trägt damit zu einer weiteren Professionalisierung und Weiterentwicklung der Palliativmedizin und Hospizversorgung weit über die Grenzen des Rheinlands hinaus bei.
Im Jahr 1999 wurde der damalige Chefarzt des Zentrums, Prof. Dr. Eberhard Klaschik, der Inhaber des deutschlandweit ersten Lehrstuhls für Palliativmedizin an der Bonner Universität. Gleichzeitig wurde eine Forschungsstellung für Palliativmedizin an der Universität etabliert, die bis heute wegweisende Arbeit leistet.
Prof. Dr. Lukas Radbruch, der 2010 Klaschiks Nachfolge antrat, unterrichtet heute angehende Mediziner in der spezialisierten Behandlung schwerkranker und sterbender Menschen - und geht dabei auch ungewöhnliche Wege, beispielsweise durch Rollenspiele mit Schauspielern, die den Studierenden helfen sollen, sich in die emotional häufig bewegenden Alltag eines Palliativmediziners einzufühlen.
Die ebenfalls am Malteser Krankenhaus ansässige Akademie für Palliativmedizin ist Teil des Zentrums und bietet pro Jahr mehr als 40 Kurse für Mediziner, Pflegekräfte und viele weitere Berufsgruppen an.
Im gleichen Jahr wie die Akademie gründet das Team des Zentrums einen eigenen Verlag: Seit 1996 bietet der PalliaMed-Verlag Fachliteratur rund um die Betreuung, Behandlung und Versorgung palliativmedizinischer Patienten.

Im Mittelpunkt: der einzelne Patient mit seinen umfassenden Bedürfnissen

Das Zentrum für Palliativmedizin hat 25 Jahre nach seiner Gründung ein in dieser Form deutschlandweit einzigartiges Leistungsspektrum: ambulante und stationäre Versorgung von palliativmedizinischen Patienten, Angehörigenbetreuung, Trauerangebote, vielfältige Aktivitäten in Forschung und Lehre sowie der Fort- und Weiterbildung. Das Team aus 43 haupt- und weiteren 68 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vergisst dabei jedoch nie, wer im Mittelpunkt des breit gefächerten Engagements steht: "Der einzelne Mensch mit all seinen physischen und psychischen, aber auch sozialen und spirituellen Bedürfnissen steht in der Palliativversorgung uneingeschränkt im Zentrum aller Maßnahmen", erklärt Prof. Dr. Lukas Radbruch. "Der Umgang mit einer unheilbaren Erkrankung, einer begrenzten Lebenserwartung und dem nahenden Sterben ist etwas höchstindividuelles. Unser Team setzt sich dafür ein, dass jeder einzelne Patient diesen Weg so gehen kann, wie es seiner Persönlichkeit entspricht", so Radbruch weiter. Dabei gehe es vor allem um Selbstbestimmung und Würde. Neben einer möglichst effektiven Behandlung der Symptome, die vor allem eine weit fortgeschrittene Erkrankung mit sich bringt, gehöre daher viel Zeit für Gespräche und für die Linderung von Ängsten und Sorgen zu einer palliativmedizinischen Betreuung, ergänzt Martina Kern, die das Zentrum gemeinsam mit Prof. Dr. Radbruch leitet. Daher setze die Arbeit des Zentrums auch nicht erst dann ein, wenn die letzte Phase des Lebens begonnen hat, sondern idealerweise bereits dann, wenn ein Patient mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit konfrontiert werde. "Palliativmedizin ist vom lateinischen Wort pallium abgeleitet: Mantel. Diese ‚Ummantelung' soll nach unserer Auffassung dann einsetzen, wenn ein Mensch und eine Familie mit einer Erkrankung konfrontiert werden, bei der feststeht, dass sie lebensbedrohlich und aller Voraussicht nach -beendend ist. Daher begleiten wir Patienten und ihre Zugehörigen von dem Moment an, an dem beispielsweise eine Krebsdiagnose gestellt wird - von einer Unterstützung im Umgang mit dieser Diagnose bis zur Symptomlinderung am Lebensende."

Palliativmedizin als menschliche Alternative

Palliativmedizin als umfassende und individualisierte Medizin scheint zunächst nicht in ein Gesundheitssystem zu passen, das auf Effizienz fokussiert ist. Walter Bors ist Geschäftsführer des Malteser Krankenhauses und erläutert, warum das von ihm geleitete Krankenhaus dennoch ein so breit aufgestelltes palliativmedizinisches Spektrum anbietet: "Zunächst verstehen wir als katholisches Krankenhaus es als unsere Aufgabe, Menschen zu helfen. Der Umgang mit einer nicht heilbaren Krankheit ist eine große Belastung für den Betroffenen und seine Angehörigen und Freunde - natürlich ist es als konfessionelles Haus unsere Aufgabe, hier zu helfen, zu unterstützen und zu lindern.
Hinzu kommt, dass Menschen, zum Beispiel mit einer Krebserkrankung häufig kräftezehrende Therapien auf sich nehmen. Die Palliativmedizin kann hier eine menschenwürdige Alternative sein, die das Leben in seiner Qualität bestmöglich erhält."
So sei die Palliativmedizin, ergänzt Prof. Dr. Radbruch, auch die Antwort auf die momentane Debatte um Sterbehilfe-Legalisierung und den so genannten "ärztlich assistierten Suizid", also die Beihilfe durch Ärzte zur Selbsttötung. "Wir sprechen mit Menschen über ihre Sorgen und Ängste - und nehmen sie Ernst. Dabei merken wir immer wieder, dass die meisten unserer Patienten die Alternativen und Möglichkeiten nicht kennen, die palliativ und hospizlich gegeben sind. Indem wir diese aufzeigen, können wir sehr viele Ängste nehmen. Der Wunsch, nicht mehr weiterzuleben wird durch eine Vorstellung davon, wie dieses Weiterleben mit der Erkrankung aussehen kann, abgelöst."

Palliativmedizin - über die Grenzen des Möglichen

Dabei geht das Team des Zentrums seit 25 Jahren immer wieder über die Grenzen des Möglichen hinaus. Nicht nur die eigenen Grenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch ganz andere: Ein schwerstkranker Patient hat dank des Teams noch einmal ein Fußballspiel live im Bremer Weserstation erleben können, eine Patientin wird kurz vor ihrem Tod in ihre kenianische Heimat geflogen oder die Hochzeit eines Palliativpatienten im Krankenbett wird organisiert. Aber auch die stillen Wünsche, nach einem Sterben in Zurückgezogenheit oder nach der Nicht-Durchführung einer bestimmten Therapiemaßnahme, erfüllt das Team. "Weil die Bedürfnisse der uns anvertrauten Menschen wichtiger sind als unsere Grenzen oder der Gedanke ‚Das geht nicht'", erklärt Zentrumsleiterin Martina Kern.